Long Distance Calling

Der lange Ruf der Wildnis
Eine Kurzgeschichte von Benedikt van der Spaans
Es ist stockduster, nass, mir ist kalt. Wo bin ich hier nur hineingeraten? Und vor allem warum? Klar, Schriftsteller, darbender Künstler und so. Manchmal kannst du es dir eben nicht aussuchen, und der Auftrag klang einfach und lukrativ. „Triff dich mal mit LONG DISTANCE CALLING, hör’ dir die neue Platte BOUNDLESS an, quatsch’ ein wenig mit den Jungs und mach hinterher eine schöne Bio draus“, sagt ein zwielichtig wirkender Manager am Telefon. OK, fahre ich da halt mal hin. Aber wie zum Teufel es diese vier Typen geschafft haben, ausgerechnet mich auf einen Berg hoch zu treiben, bleibt ein Rätsel.
Fangen wir mal ganz von vorne an. LONG DISTANCE CALLING. Bassist Jan Hoffmann, Gitarrist Dave Jordan, Schlagzeuger Janosch Rathmer und Gitarrist Florian Füntmann. Aus Münster. Schon mit ihren ersten drei Alben SATELLITE BAY, AVOID THE LIGHT sowie LONG DISTANCE CALLING stoßen die vier tatsächlich auf unerforschtes Terrain. Ihr zeitloser, atmosphärischer Instrumental-Rock begeistert nicht nur Traditionalisten mit einer Vorliebe für Gitarren, Vinyl und Compact Discs, ohne epische Hits wie „Black Paper Planes“ ist auch keine ernstzunehmende Streaming-Playlist komplett. Doch wie es mit Entdeckern so ist, irgendwann muss es weiter gehen – selbst Kolumbus hatte nach seiner Entdeckung des amerikanischen Kontinents noch einiges vor. Irgendwann wird die Schublade mit der Aufschrift „Instrumentaler Post-Rock“ halt einfach zu klein. 2013 entschliesst sich die Band zu einem großen Schritt und stellt mit Marsen Fischer einen festen Sänger vor.
Ich klopfe an die schwere Holztür der Principal-Studios. Produzent und Studiobesitzer Vincent Sorg öffnet. „Na, da bist du ja endlich – alle warten nur noch auf dich“. Geht ja gut los. Kurz bevor wir den Regieraum erreichen, nimmt er mich beiseite. „Also pass auf. Die Jungs sind ein wenig, na sagen wir mal, angespannt. Du bist der erste, der BOUNDLESS zu hören bekommt“, erklärt er mir, kurz bevor ich unvermittelt mit meinem Kopf an einen niedrig hängenden Balken knalle. Ich verspüre einen hämmernden Schmerz, während ich die vier auf einer abgewetzten Sitzgruppe herumlungernden Musiker begrüße. Der Einstieg läuft mit „So, Tag zusammen, die Herren! Wie ist es? Am besten gut, oder?“ noch brauchbar. Doch ein unbedarft in den Raum geworfenes „Auf den mit der Stimme warten wir noch, ja?“ transportiert mich ohne Umwege ins Fettnäpfchen. Die ohnehin unterkühlte Stimmung wechselt schlagartig zu frostig. Dass LONG DISTANCE CALLING auf ihrem neuen Album auf Hilfestellung durch einen Sänger verzichten, hätte man mir ja auch mal vorher sagen können.
Zu meiner Verteidigung sei erwähnt, dass es schon etwas schwierig war, den Überblick zu behalten. Das gemeinsam mit Fischer aufgenommene THE FLOOD INSIDE wird zum gefeierten Erfolg, der es bis in die Deutschen und Schweizer Hitparaden schafft. Noch besser läuft 2016 dann der Nachfolger TRIPS, der in Deutschland Platz 23 erklimmt. Fischer ist zu diesem

Zeitpunkt längst von Band-Intimus Petter Carlsen ersetzt. Doch auch dieser Wechsel hält die Band nicht auf, Fans wie Kritiker überschlagen sich vor Euphorie. Schon Ende des Jahres stehen LONG DISTANCE CALLING wieder als reines Instrumental-Quartett auf der Bühne, 2017 wird das zehnjährige Jubiläum des Debüts mit der umjubelten „An Evening with Satellite Bay“-Tournee sowie auf den Festival-Bühnen zelebriert. Soweit die Fakten.
Ich entschuldige mich peinlich berührt für meinen Fauxpas. Um wieder ein wenig verlorenen Boden gutzumachen, willige ich auf den Vorschlag ein, die vier Herren auf einer demnächst anstehenden Promotion-Reise zu begleiten. „Da bin ich glatt dabei“, rufe ich, denke insgeheim an teure Hotels, gutes Essen und jede Menge unvernünftigen Spaß. Pustekuchen, nur wenige Tage später stehe ich bei absolut miserablen Wetter vor einem massiven Berggebilde in den Dolomiten, und muss vor Erschöpfung fast würgen. Als ich um Luft ringe, reicht mir Bassist Jan Hoffmann einen dringend benötigten Schluck Wasser. Ich gebe ihm die Flasche zurück, was Gelegenheit bietet, verlorenes Vertrauen in meine fachliche Kompetenz als Bandbiograf wieder herzustellen.
„Also Jan, mal Butter bei die Fische! Ihr habt doch versucht, euren Klangkosmos durch vollwertige Vokalisten zu erweitern. Warum jetzt auf BOUNDLESS wieder diese Reduktion auf eure – so möchte man meinen – instrumentale Kernkompetenz in der Viererbesetzung?“ Ich bin von der Wucht meiner eigenen Frage, der Schönheit ihrer Formulierung fast ein wenig gerührt und sehe mich schon mit dem Henry-Nannen-Preis durch die Talkshows der Republik ziehen. Muss wohl an der ungewohnten Höhenluft liegen, denn Jan wirkt komplett unbeeindruckt. „Wir haben die Alben eigentlich immer zu viert in einem Raum geschrieben. Deswegen klingt es immer wie wir, der Kern geht halt nicht verloren. Jetzt mach fertig, wir müssen weiter.“
Als ich ein paar Stunden später todmüde in meinen Schlafsack krieche, fallen mir diese Worte noch einmal ein. Denn wenn BOUNDLESS überhaupt nach irgendjemandem klingt, dann
nach LONG DISTANCE CALLING. Vier Musiker, vier total unterschiedliche, aber jeweils starke Charaktere. Festzustellen, offenbar nur als Quartett so richtig glücklich zu sein, war bestimmt kein leichter Prozess. Besonders das daraus resultierende Eingeständnis, künstlerisch mit den letzen beiden Platten nicht ganz im Reinen zu sein, schmerzt die Musiker. Dem gegenüber steht allerdings die Erkenntnis, dass man genau in dieser Konstellation in der Lage ist, etwas Einzigartiges wie BOUNDLESS zu schaffen. Was nicht nur an den härtesten Riffs der LDC-History liegt.
Kurz nachdem mich die ersten Sonnenstrahlen des folgenden Tages aus einem unruhigen Schlaf holen, treffe ich Schlagzeuger Janosch Rathmer vor unserer Hütte. Einem traditionellen westfälischen Morgenritual folgend, versuche ich, ein wenig Nähe aufzubauen.
„Morgen.“
„Morgen.“
„Und?“
„Muss.“
„Schönes Entombed-Shirt!“
„Danke.“

Kontaktaufnahme erfolgreich, es entwickelt sich langsam, aber sicher ein zärtlicher Tanz auf dem Dialogparkett. „Wir wollten uns wieder darauf konzentrieren, womit wir angefangen haben. Vielleicht ist BOUNDLESS deswegen auch so hart geworden, wir haben ja alle mal mit Metal angefangen“, grinst er. „Wir haben uns die Freiheit genommen, die Songs aus sich heraus wachsen zu lassen, haben Beats und Flächen direkt eingebaut und nicht wie in der Vergangenheit hinterher drauf gesetzt“. Darauf erstmal einen Kaffee. Das Frühstück lockt auch das Gitarrenduo Dave Jordan und Florian Füntmann an. Dave redet gerne, auch mit den Händen. „Wir haben diesmal sehr intuitiv gearbeitet. Jemand fängt an, daraus entsteht etwas. So erreicht man eine immense Bandbreite, die man BOUNDLESS auch anhört.“

Füntmann hingegen ist eher ein relaxter Typ, der die Interaktion des Quartetts untereinander und den kollektiven Umgang mit der Dynamik zwischen laut und leise hervorhebt. Ich merke, wie ich langsam anfange zu verstehen.
„Out There“ startet als typischer LONG DISTANCE CALLING-Groover, schmeisst ein paar Indie-Melodien in den Raum, endet jedoch mit mächtigen Riffs. Kein wilder Stilmischmasch, stattdessen auf den Punkt komponierter und präzise arrangierter Einstieg in einen fast fünfzigminütigen Parforceritt. „Jeder Song ist auf seine eigene Art sein ganz eigener Trip“, überlegt Jan. „Vielleicht weniger auf die tonalen Inhalte, sondern eher auf die Emotion bezogen. “Auch bei „In The Clouds“ lassen sich klassische Rock-Komponenten entdecken, die mit einem düsteren „In The Air Tonight“-Vibe gepaart werden. „Weightless“ dreht den Spieß dann mal herum, wiegt einen mit leichten Reggae-Grooves in trügerischer Sicherheit, bevor die wilde Fahrt losgeht und erst wieder in Birmingham zum explodierenden Sabbath-Gedächnis-Riff anhält. Doch die Münsteraner setzen auf ihrem sechsten Album nicht nur auf
die Brechstange. Das Hauptthema von „The Far Side“ erinnert an die melancholischen Soundtracks der Ära „Timm Thaler“ (Sie wissen schon, der Junge, der sein Lachen verlor…), auch „Like A River“ könnte mit seinem leichten Calexico-Vibe als optimale Vertonung eines modernen Jarmusch-Westerns herhalten. „Wir setzen noch mehr auf Interaktion untereinander, was eine ganz besondere Dynamik und Energie erzeugt, die uns von allen anderen Bands unterscheidet“, sagt Füntmann stolz. „On The Verge“ wird von fein austarierten Loops und Beats vorangetrieben, überhaupt spielen perkussive Sounds eine größere Rolle als noch in der Vergangenheit. „Sowas ist in unserem Kontext nicht neu, ist jetzt allerdings besser in die Songs integriert“, erklärt Janosch. So kann BOUNDLESS ganz anders blühen und gedeihen, steht dadurch streng genommen in der Tradition typisch
deutscher Sounds. Denn ähnlich dem frühen Krautrock oder Elektro spielen LONG
DISTANCE CALLING mit Sounds, erwecken dadurch Emotionen und trauen sich an
Experimente heran. „Es hat allerdings eher was von einer zufälligen chemischen Reaktion“,
lacht Jan. „Unter der Oberfläche brodelt viel Chaos. Eben weil wir völlig ohne Kalkül an Dinge herangehen, sondern das machen, was sich gut anfühlt. Und manchmal springst du eben aus dem Flugzeug, fällst aber nach oben anstatt nach unten“. Wie nennt man das jetzt? Trip-Rock? Kraut-Tracks? Eigentlich völlig egal, solange so international konkurrenzfähige Alben wie BOUNDLSS dabei heraus kommen.
Klingt alles ziemlich einleuchtend, oder? Und dafür muss man mich tagelang durch die Botanik kraxeln lassen? Hätte man das nicht auch einfach am Telefon oder letztens vor Ort besprechen können? „Nein“, sagt Hoffman, während er seine Sonnenbrille zurechtrückt. „Es geht darum, aus seiner Komfortzone herauszugehen, Neues zu entdecken – wie am Berg“, sagt er, drückt mir ein paar Kopfhörer in die Hand, drückt auf Start. Plötzlich macht wirklich alles Sinn. LONG DISTANCE CALLING reißen einmal alles nieder und lassen sich neu erblühen.
BOUNDLESS klingt nach wiedergefundener Freiheit, manchmal schwerelos, manchmal erdrückend heavy. Rauf auf den Gipfel, um sich im freien Fall wieder runterzustürzen.
Außer, dass du plötzlich hoch und nicht runter fliegst. Eine Gegenreaktion, um sich nicht zu wiederholen? Vielleicht. Ungeachtet dessen endlich mal wieder ein Grund, sich nicht für deutsche Musik zu schämen.
Wenige Wochen danach bekomme ich Post. „Sind Bergsteigen. Kommst du mit? LDC“.